Einmal im Monat blicken wir zurück auf das, was in der AI-Welt passiert ist. Wir sammeln die lesenswertesten Artikel aus der Community und die wichtigsten Produkt-Updates, kuratiert von unserem AI-Team.
Der Juni hatte es in sich. Dass Fable 5 zuerst kam und sofort wieder gesperrt wurde, zeigt, wie stark die AI-Labs in den USA konzentriert sind. China nutzte die Gelegenheit und zeigte mit GLM-5.2, dass günstige Frontier-Modelle auch ohne US-Einfluss möglich sind. Zum Monatsende kommt Fable 5 zurück, zusammen mit einem stärkeren Sonnet 5, und bei OpenAI steht ein GPT-5.6 Release vor der Tür.
Lesenswertes aus der Community
Gefährliche Technologie nur für Amerikaner
Armin Ronacher · lucumr.pocoo.org
Anthropic hat jahrelang betont, wie gefährlich die eigenen Modelle seien. Jetzt hat die US-Regierung das ernst genommen und den Zugang zu Fable und Mythos für alle ohne US-Pass gesperrt. Aus “nicht an feindliche Regierungen verkaufen” wurde “nur für Amerikaner”.
Dahinter steckt ein Muster. Vieles, was als Sicherheit daherkommt, folgt am Ende US-Interessen. Und aus dieser Abhängigkeit kann sich Europa nicht mit Regeln befreien. Es braucht eigene Modelle und eigene Infrastruktur.
Ein grosser Teil unserer täglichen AI-Arbeit läuft über Modelle aus den USA. Das ist bequem, bringt uns aber in eine heikle Abhängigkeit. Der Juni zeigt, dass dieser Zugang nicht garantiert ist. Für uns ist wichtig, nach Alternativen zu schauen. Aus China gibt es zwar starke Modelle, aber das bleibt fremde Infrastruktur. Mit Mistral aus Frankreich und Apertus aus der Schweiz gibt es gute europäische Initiativen. Für die Softwareentwicklung sind wir aber weiterhin auf die amerikanischen Modelle angewiesen, da kommen die europäischen noch nicht mit. Zusätzlich sammeln wir eigene Erfahrung mit lokalen Modellen, die laufend besser werden. So bleiben wir handlungsfähig, denn AI wird aus unserem Alltag nicht mehr verschwinden.
Wie brauchbar lokale Modelle inzwischen sind, zeigt weiter unten der Beitrag von Vicki Boykis.
Midjourney baut einen Spa
Midjourney · midjourney.com
Der Bildgenerator Midjourney baut jetzt medizinische Hardware. Man steigt in ein flaches Wasserbecken und wird langsam abgesenkt. Dabei fährt man durch einen Ring aus rund einer halben Million winziger Elemente, die zugleich Lautsprecher und Mikrofon sind. Sie schicken Ultraschall aus allen Winkeln durch den Körper und hören die Echos. Nach etwa 60 Sekunden liegt eine 3D-Karte des Körperinneren vor, fast so genau wie ein MRI, aber rund hundertmal schneller und ohne Strahlung.
Midjourney verpackt das Ganze nicht als Spitalgerät, sondern als Spa. Der erste soll 2027 in San Francisco öffnen.
Das meiste passiert dabei in der Software. Aus einer halben Million Echos ein sauberes 3D-Bild zu rekonstruieren, ist vor allem eine Frage guter Algorithmen, und darin ist Midjourney stark. So kommt ein Bildgenerator überhaupt in die Medizintechnik. Was früher spezielle Hardware brauchte, wird immer öfter zu einer Frage von Daten und Rechenleistung. Für uns ist das eine gute Erinnerung, dass die Grenzen zwischen Branchen verschwimmen. Wer AI und Software beherrscht, kann Probleme lösen, die vorher ganz woanders zu Hause waren.
Vibe Coding ist gefährlich, agentisches Engineering weniger
Interview mit Wes McKinney · motherduck.com
Wes McKinney, der Erfinder von Pandas, trennt scharf zwischen zwei Arten, mit KI zu programmieren. Vibe Coding bedeutet, einmal zu prompten, den Code nicht anzuschauen und ihn auszuliefern. Das ist für ihn gefährlich und unverantwortlich.
Sein eigener Ansatz heisst agentisches Engineering. Er steckt viel Zeit in die Spezifikation, oft Stunden, und gibt Architektur und Idee selber vor. Die Agenten setzen um, ein Reviewer prüft automatisch jeden Commit. Am Ende bleibt wenig, aber guter Code zum Durchsehen.
Weil die Modelle sich ständig ändern und unberechenbar sind, braucht es genau diese Leitplanken. Und weil Code heute fast gratis entsteht, wird Nein sagen zur wichtigsten Disziplin.
Das deckt sich mit unserer Erfahrung. KI macht das Schreiben von Code billig, aber die eigentliche Arbeit bleibt gleich. Man muss verstehen, was man bauen will, es sauber spezifizieren und gründlich reviewen. Automatische Reviews helfen dabei, ersetzen erfahrene Entwickler aber nicht. Spannend ist auch der Gedanke, dass das Nein sagen wichtiger wird. Wenn ein Feature fast nichts kostet, entsteht schnell zu viel, das man später pflegen muss. Wir nennen das Feature-Creep, und AI beschleunigt das noch. Die Kunst ist nicht, viel zu bauen, sondern das Richtige.
Lokale Modelle sind jetzt brauchbar
Vicki Boykis · vickiboykis.com
Lokale Modelle sind lange hinter den grossen Cloud-Modellen hergehinkt, zu langsam und zu ungenau fürs Programmieren. Das ändert sich Schritt für Schritt. Ein erster Wendepunkt war GPT-OSS. Seine Ausgaben stimmten so oft, dass sich der ständige Abgleich mit den Cloud-Modellen erübrigte. Mit Gemma 4 geht inzwischen noch mehr. Auf einem M2-Mac mit 64 GB RAM laufen damit sogar agentische Coding-Loops, bei rund 75 Prozent der Genauigkeit und Geschwindigkeit der Frontier-Modelle.
Für kleinere Aufgaben wie Refactorings oder Unit-Tests reicht das lokale Setup heute. Für die Produktion noch nicht, dafür sind die Kontextfenster zu klein und die Inferenz zu langsam. Aber der Fortschritt in einem einzigen Jahr ist enorm.
Für uns sind lokale Modelle ein vielversprechender Weg, unabhängiger von den grossen US-Anbietern zu werden. Für klar abgegrenzte Aufgaben ist die Qualität heute schon gut genug, für die volle Softwareentwicklung noch nicht. Für uns aber Grund genug, jetzt damit zu experimentieren. Interessant sind lokale Modelle auch aus einem anderen Grund, nämlich dort, wo sensible Kundendaten nicht in die Cloud dürfen. Dann läuft das Modell lokal, und die Daten verlassen unsere Systeme gar nicht erst.
Produkt-Updates
Claude Fable 5 und Mythos 5: Anthropic stellte Anfang Juni Fable 5 vor, ein Modell der Mythos-Klasse, das auf fast allen Benchmarks führt. Sein Vorsprung wächst, je länger und komplexer die Aufgabe wird. Stripe migrierte im Test eine Ruby-Codebasis mit 50 Millionen Zeilen an einem Tag statt in zwei Monaten. Mythos 5 ist dieselbe Basis mit gelockerten Schutzmechanismen für einen kleinen Kreis von Cyberverteidigern. Kurz nach dem Start wurde der Zugang zu beiden Modellen wegen einer US-Exportdirektive für alle ohne US-Pass wieder ausgesetzt.
Fable 5 kehrt zurück: Nachdem die US-Regierung die Exportkontrollen am 30. Juni aufgehoben hat, ist Fable 5 ab dem 1. Juli wieder global verfügbar. Für Team-Pläne ist der Release bis zum 7. Juli innerhalb von bis zu 50 Prozent der Wochenlimits enthalten, danach läuft er über Usage Credits.
Claude Sonnet 5: Anthropic veröffentlichte zum Monatsende den bislang agentischsten Sonnet. Bei Reasoning, Tool-Nutzung und Coding kommt er nahe an Opus 4.8 heran, ist aber deutlich günstiger. Er ist ab sofort in Claude Code verfügbar.
Z.ai GLM-5.2: Z.ai veröffentlichte mit GLM-5.2 ein quelloffenes Modell für Coding und agentische Aufgaben. Es hat ein Kontextfenster von einer Million Token und zwei Reasoning-Stufen. Damit positioniert es sich als deutlich günstigere Alternative zu den grossen proprietären Modellen, die man auch selbst hosten kann.
